Schienen-Engpass: Bund prüft Gleisausbau

Offenbar gibt es gute Chancen, dass zwischen Feuerbach und Zuffenhausen nun doch zwei zusätzliche Gleise für den Fernverkehr gelegt werden und damit ein befürchteter Schienenengpass im Stuttgarter Norden erst gar nicht entsteht. Nach einem Gespräch mit dem Landesverkehrsministerium wollen der Bund und die DB Netz AG nun doch den Ausbau prüfen, erfuhr unsere Zeitung. Bisher hatte das Bundesverkehrsministerium im Einklang mit der Deutschen Bahn die zusätzlichen Gleise nicht für notwendig gehalten. Erste Ergebnisse werden Mitte Januar erwartet.

Schreiben an Abgeordnete

In Schreiben an Landtagsabgeordnete und an den Verkehrsausschuss des Landtags berichtet Verkehrsminister Winfried Hermann von den Gesprächen in Berlin. Eine parteiübergreifende Mehrheit aus Grünen, CDU, SPD und FDP hatte im Verkehrsausschuss Mitte Oktober übereinstimmend gefordert, dass sich die Landesregierung für einen weiteren Schienenausbau im Stuttgarter Norden starkmachen soll. Konkret geht es um „die Kapazitätserweiterung des Nordzulaufs Feuerbach/Zuffenhausen um ein fünftes und sechstes Gleis“. Auch Bahnverbände und der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordern seit Jahren, die drohende Kapazitätslücke zu schließen, weil die auch die Leistungs­fähigkeit des mit dem Tiefbahnhof geschaffenen neuen Stuttgarter Bahnknotens bei Stuttgart 21 begrenze. Doch das hatten Bund und Bahn trotz gegenteiliger Berechnungen von S-21-Kritikern, die schon während der Schlichtung bekannt wurden, stets abgelehnt. Auch in den Bundesverkehrswegeplan 2030, in das der Bund wichtige Projekte aufnimmt, war die Verbesserung des Nordzulaufs in Berlin abgelehnt worden. Mittlerweile hat sich die Lage freilich verändert. Der Deutschlandtakt , bei dem Züge zwischen den Städten alle 30 Minuten verkehren sollen, und die Klimaschutzdebatte mit dem Ziel einer Verdoppelung der Bahnreisenden haben das Thema wieder auf die Tagesordnung gesetzt – und lassen nun auch S-21-Befürworter in Bund und Land die Forderung nach einem besseren Nordzulauf erheben.

Neue Debatte dank Deutschlandtakt

Die Schnellfahrstrecke Mannheim–Stuttgart endet mit dem Tunnel Langes Feld und mündet nördlich des Bahnhofs Stuttgart-Zuffenhausen in die Bahnstrecke Würzburg–Stuttgart. Dann folgen vier Kilometer auf der bestehenden Trasse, ehe die Schienen nach dem Bahnhof Feuerbach in den Tunnel eintauchen, der sie zum neuen Tiefbahnhof führt. Außerdem fahren in diesem Abschnitt auf zwei Gleisen auch die S-Bahnen, bei Störungen muss aber die Paralleltrasse mitverwendet werden. Ziel des Landes ist es offenbar, die ICE-Fahrzeit zwischen Mannheim und Stuttgart von gegenwärtig 38 Minuten auf 30 Minuten zu drücken. Jeweils zwei Minuten seien durch die neue S-21-Infrastruktur und die digitale Signaltechnik ETCS, mit der der Bahnknoten Stuttgart ausgestattet werden soll, zu erreichen. Die restlichen vier Minuten könnte der Ausbau mit einem unterirdisch geführten fünften und sechsten Gleis bringen, so Hermann: „In der Summe mit den anderen Infrastrukturoptimierungen wollen wir eine Fahrzeit von 30 Minuten zwischen Mannheim und Stuttgart erreichen.“ Allerdings müssten erst die „sehr umfassenden Prüfungen zu verkehrlichen, infrastrukturellen und wirtschaftlichen Aspekten“ ergeben, ob dies möglich sei. Jedenfalls seien die Prüfungen „unmittelbar“ nach dem Gespräch Mitte November aufgenommen worden. Entscheidend wird dann sein, dass das Bundesverkehrsministerium dies in den Zielfahrplan für den Deutschlandtakt aufnimmt.

Fahrzeit auf 30 Minuten senken

Für Hermann steht die Notwendigkeit außer Zweifel: „Mit dem Ausbau des Nordzulaufs im Knoten Stuttgart würde neben der erheblichen Fahrzeitverkürzung auch ein wesentlicher Schritt erfolgen, um in diesem bereits jetzt sehr stark nachgefragten Korridor die Zielsetzung der Verdoppelung der Fahrgäste erreichen zu können.“

Ergänzungen der Schieneninfrastruktur

Nachbesserungen Der Ausbau des Nordzulaufs wäre nicht das erste Mal, dass das Bahnprojekt Stuttgart 21 nachgebessert würde. Am Flughafen soll ein drittes Gleis gebaut werden, damit der S-Bahn-Halt am Flughafen nur von der S-Bahn angefahren wird und in Zukunft eine Verlängerung der S-Bahn ins Neckartal möglich ist. Auch die Wendlinger Kurve wird größer gebaut als ursprünglich geplant. Damit wird die Verbindung von der Neubaustrecke Stuttgart–Ulm zur Bahnlinie im Neckartal in Richtung Tübingen/Reutlingen nicht nur mit einem, sondern mit zwei Gleisen gebaut.

Pläne Ein Arbeitskreis mit Vertretern des Landesverkehrsministeriums, der Stadt Stuttgart, dem Verband Region Stuttgart und der Bahn beschäftigt sich derzeit mit weiteren Ergänzungen der Schieneninfrastruktur. Dabei geht es um den Ausbau des Bahnhofs Stuttgart-Feuerbach zum Regionalhalt (wie schon S-Vaihingen und Bad Cannstatt), die Einbindung der Panoramabahn ins Schienennetz (bisher ist an eine Regionalbahn aus Horb über Böblingen und S-Vaihingen gedacht) und an weitere Übereckverbindungen in Richtung Ludwigsburg und Bad Cannstatt. Besonders umstritten ist die Idee Hermanns, außer dem Tiefbahnhof eine weitere unterirdische Haltestation für S-Bahnen und Nahverkehrszüge zu bauen. dud