Wenn Eltern nicht hören

Barbara und Fillip Kieffer mit ihren Söhnen Jan (links) und Felix 
Barbara und Fillip Kieffer mit ihren Söhnen Jan (links) und Felix Fotos: Winfried Rothermel

Sein erstes Wort ist „Lampe“. Jan, fünf Monate alt, blickt hinauf zur Decke, hebt das rechte Händchen und streckt alle Finger gleichzeitig aus. So geht „Lampe“ in Gebärdensprache. Und sie verheißt für den Jungen Gutes: Ist er hungrig und schreit, blitzt die Lampe auf, und sogleich stehen Mutter oder Vater am Bettchen. Sein erstes Wort in Lautsprache kennen die Eltern nicht. Wahrscheinlich „Ball“. Sie können nur mutmaßen. Denn anders als ihr Sohn Jan sind Barbara und Fillip Kieffer taub zur Welt gekommen. Das hat die beiden nicht davon abgehalten, Karriere zu machen und eine Familie zu gründen.

Um ihre Geschichte zu erzählen, haben sie ihre Gebärdensprachdolmetscherin Anke Hagemann gebeten, nach Emmendingen zu kommen. Hier, zwölf Kilometer nördlich von Freiburg, lebt die Familie seit acht Jahren in einem beschaulichen Wohngebiet mit weißen Mehrfamilienhäusern und gepflegten Vorgärten. Barbara Kieffer heftet ihre Augen auf ihre Dolmetscherin und erzählt in Gebärden, wie alles begann. „Wir haben uns in Winnenden verliebt, während unserer Ausbildung in der Paulinenpflege.“ Sie lernte Mediendesign, er Industriemechaniker. Was sie von Anfang an eng verband, war die Liebe zum Sport. Sie spielte Volleyball im Nationalteam der Frauen des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands, er spielte Fußball und wurde als Innenverteidiger im Deutschen Nationalteam der Gehörlosen 2008 sogar Weltmeister. Viele Jahre jetteten sie durch die Welt zu internationalen Wettkämpfen. Für beide stand aber immer fest, dass sie irgendwann sesshaft werden – und Kinder haben.

Neben den üblichen Fragen bei der Familienplanung befasste sich das Paar auch mit der Vorstellung, dass ihre Kinder hören könnten. „Wir machten uns klar, dass sie sich dann in einer zweiten Welt bewegen würden, zu der wir Eltern nur begrenzten Zugang haben würden“, erklärt Barbara Kieffer. Denn Gehörlosigkeit ist zwar vererbbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass gehörlose Eltern ein hörendes Kind bekommen, ist aber recht hoch, nämlich in neun von zehn Fällen. So kam es auch bei den Kieffers. Bereits einen Tag nach Jans Geburt machten die Ärzte mit ihm ein Hör-Screening. Es bestand kein Zweifel, dass er hören kann.

Die ersten Tage zu dritt waren anstrengend. Die Technik stand noch nicht. „Ich war anfangs furchtbar nervös“, erinnert sich Barbara Kieffer. „Wie sollten wir mitkriegen, ob unser Baby schreit?“ Nachts legte sie Jan daher direkt an ihre Schulter. So spürte sie, wenn er unruhig wurde. Aber auch als das Mikrofon endlich installiert war, kamen die Eltern kaum zur Ruhe. „Das Ding reagiert beim kleinsten Geräusch. Wir rannten ständig ans Babybett“, erinnert sich Fillip Kieffer.

Keine Sorgen machten sich die Eltern darüber, ob Jan ordentlich sprechen lernt. Denn der Vater stammt aus Emmendingen und hat dort einige Verwandte. „Ich bin der einzige Gehörlose in meiner Familie“, sagt er. „Alle anderen können mit Jan sprechen.“ Außerdem besuchte ihr Sohn schon mit einem Jahr eine gewöhnliche Kinderkrippe. „Trotzdem suchten wir vorsichtshalber früh einen Logopäden auf“, erinnert sich Barbara Kieffer. Nach ein paar Sitzungen schickte er sie aber wieder fort. Der Junge sprach ganz normal.

Mittlerweile ist Jan fast 13 Jahre alt und hat einen Bruder. Felix, zehn Jahre, kam ebenfalls hörend zur Welt. Miteinander sprechen sie meist in Lautsprache. „Es sei denn, wir sitzen mit den Eltern am Esstisch. Dann bitten sie uns, in Gebärden zu sprechen, damit sie verstehen, was zwischen uns vor sich geht“, erzählt Jan. Selten kommt es vor, dass die Gehörlosigkeit der Eltern im Alltag Probleme bereitet. „Wir standen früher nach der Schule manchmal vor der Haustür, wenn die Batterien für die Klingelanlage leer waren“, erzählt Jan. Dann stellte er sich vor das Küchenfenster im Parterre, hinter dem er seinen Vater vermutete, und warf seinen Sportbeutel in die Höhe. Oder der Nachbar machte für ihn unter dem Balkon die Räuberleiter. Mittlerweile besitzen sie alle vibrierende Smartphones und telefonieren mit Kamera. „Mit einer Hand halte ich das Handy vor mich, mit der anderen gebärde ich“, erklärt Jan.

Zweisprachige Kinder wie Jan und Felix bezeichnet man auch als Codas. Der Begriff kommt aus dem Englischen und ist eine Abkürzung für „Children of deaf Adults“, was übersetzt „Kinder gehörloser Erwachsenen“ heißt. In Deutschland leben laut dem Deutschem Gehörlosenbund rund 80 000 Gehörlose, die Zahl der Codas ist allerdings nicht bekannt. Die Kinder wachsen sozusagen bilingual auf, häufig mit der Gebärdensprache als ihrer Muttersprache. Und sie lernen zwei Kulturen kennen mit jeweils ganz eigenen Verhaltensformen und Wertvorstellungen.

Ihre erste Begegnung mit der Kultur der Hörenden haben viele Codas erst, wenn sie in den Kindergarten kommen. Für manche ein Kulturschock: Auf einmal dürfen sie nicht mehr rumkrakeelen und Türen zuschlagen. Sie müssen lernen, auch ohne Blickkontakt zu reagieren und gebührend Abstand zu ihren Gesprächspartnern zu halten. Dabei sind sie es gewöhnt, den anderen zu berühren, um auf sich aufmerksam zu machen. Wie der Übergang für ihre Söhne war, kann Barbara Kieffer nicht sagen. Sie erinnert sich nur daran, dass einer von ihnen sie eines Tages am Esstisch vorwurfsvoll anblickte: „Mama, du schmatzt!“

Auch der Vater wurde schon ermahnt – als er die Kinder ermahnte. „Meine Söhne beschweren sich, dass ich zu laut schimpfe“, erzählt Fillip Kieffer. Die Eltern sind zwar taub, aber nicht stumm. „Ich gebrauche meine Stimme, wenn ich merke, dass die beiden absichtlich nicht zu mir hinschauen. Zum Beispiel wenn sie wissen, dass es Ärger gibt“, erklärt der Vater. „Allerdings habe ich keine Ahnung, wie laut ich dann werde. Wahrscheinlich sehr laut, wenn ich wütend bin.“ Dass die Eltern ihre Stimme nicht regulieren können, ist wohl auch der Grund, warum die Kinder nie von ihnen Bücher vorgelesen bekommen wollten. „Ich habe die Bücher daher einfach gebärdet“, sagt Barbara Kieffer.

Dass Codas etwas Besonderes sind, hat die Regisseurin Caroline Link im Jahr 1996 zu dem Kinofilm „Jenseits der Stille“ veranlasst. Darin geht es um das Coda-Mädchen Lara, das gegen den Willen des Vaters Musikerin werden will. Die „Außenministerin“ der Familie begleitet schon als Neunjährige ihre gehörlosen Eltern zu Kreditverhandlungen auf die Bank und übersetzt Telefonate nach Gutdünken, meist zu ihrem Vorteil.

Was im Film komisch wirken soll, ist in Wahrheit eine Belastung für Codas. „Sie sind völlig überfordert, wenn sie ihren Eltern erklären sollen, was der Versicherungsvertreter vorschlägt oder wie der Arzt das Blutbild bewertet“, sagt Rita Mohlau vom Verein Coda Dach. Dieses Netzwerk bringt Codas zusammen, sensibilisiert aber auch die Öffentlichkeit für das „Coda-Sein“. Besonders paradox findet Mohlau, wenn das Kind zwischen Lehrer und Eltern sitzt, um in eigener Sache zu vermitteln. „Codas stecken in einem Dilemma: Sie müssen ihren hilflosen Eltern beistehen, zugleich wachsen sie mit dem Gefühl auf, den Ansprüchen nie gerecht werden zu können.“ Die Folge sind psychische Probleme und Brüche innerhalb der Familie. „Es gibt viele traumatisierte Codas, die sich von ihren Eltern völlig abgewandt haben“, weiß Rita Mohlau, die selbst als Coda zur Welt kam.

Nachgelassen hat der Druck auf die Kinder erst seit dem Jahr 2002, als die Gebärdensprache als vollwertige Sprache anerkannt wurde und gehörlose Menschen einen Anspruch auf Gebärdendolmetscher bekamen. Laut Gesetz erstattet die Krankenkasse Einsätze bei Ärzten, Behörden, Polizei und Gericht, aber auch am Arbeitsplatz. „Das ist allerdings in vieler Hinsicht noch ausbaufähig“, betont Rita Mohlau. Auf der Bank seien Gehörlose zum Beispiel immer noch angewiesen auf Hilfe von Verwandten, wenn sie den Stundenlohn von 85 Euro nicht berappen können. Abgesehen davon gebe es noch immer zu wenig Gebärdendolmetscher. Der Studiengang Gebärdensprache wird nur an sechs Hochschulen in Deutschland angeboten.

Barbara und Fillip Kieffer versuchen, ihre Söhne so weit wie möglich mit Dolmetschereinsätzen zu verschonen. Wann immer Jan und Felix eine neue Einrichtung besuchen, verteilen die Eltern als erstes Zettel vor Ort: „Hallo! Wir sind gehörlos. Wenn Sie uns etwas mitteilen wollen, bitte scheuen Sie sich nicht, sich trotzdem direkt an uns zu wenden. Das entlastet unsere Kinder. Barbara und Fillip Kieffer“. Trotzdem bleiben Jan und Felix immer noch zig Gelegenheiten, um zwischen ihren Erziehungsberechtigten und der hörenden Welt zu vermitteln: etwa beim gemeinsamen Einkauf, wenn das Wechselgeld nicht stimmt. Wenn beim Heimspiel des SC Freiburg der Tribünensprecher darüber informiert, wie es in anderen Stadien steht. Wenn während der Autofahrt ein Martinshorn ertönt. Felix und Jan sind im Übrigen scharfe Kritiker der Untertitelqualität im deutschen Fernsehen. „Da steht oft völliger Quatsch.“

Die beiden schämen sich für ihre Eltern nicht mehr als andere Kinder in ihrem Alter. Sie scheinen sogar ein wenig stolz auf sie zu sein. „Wir kicken beim FC Emmendingen“, erzählt Felix, „und Papa ist unser Trainer.“ Beim Fußballtraining macht Fillip Kieffer vieles selbst vor oder nimmt Bildmaterial zur Hilfe. Beim Punktspiel am Wochenende dient häufig sein Co-Trainer als Sprachrohr. „Und manchmal helfen wir“, sagt Felix. „Obwohl Papa das nicht will“, ergänzt Jan.

An den freien Wochenenden fahren sie auch mal gemeinsam ins Dreisamstadion, wenn der SC Freiburg aufläuft, ihr Lieblingsclub. „Ein wenig beneide ich Papa, dass er das Gebrüll um uns herum nicht mitkriegt. Er kann sich voll auf das Spiel konzentrieren“, sagt Felix. Jan meint: „ Aber die Stimmung im Stadion ist ja eigentlich auch irgendwie ganz schön.“ Sie finden es unfair, dass Spitzensportler, die gehörlos sind, nicht vom Sport leben können. „Sonst wäre Papa vielleicht ein Fußballprofi geworden.“

Auch Barbara Kieffer scheint keinerlei Berührungsängste mit der Lebenswelt ihrer Söhne zu haben. Zwei Jahre lang war sie an ihrer Schule Elternsprecherin. „Das funktionierte wunderbar“, erzählt sie. Zumal der Landesverband der Gehörlosen nun auch Dolmetscher für Elternabende finanziert.

Die Eltern lassen es sich auch nicht nehmen, Theater- und Musikaufführungen an der Schule ihrer Söhne zu besuchen. „Das gehört einfach zum Elterndasein.“ Dass sie dabei nicht so viel mitbekommen, nehmen sie sportlich. Dabei sein ist alles.

Diese sogenannte Lichtsignalanlage sendet Lichtblitze, wenn beispielsweise jemand an der Tür läutet, das Telefon klingelt oder das Baby schreit. Winfried Rothermel
In Gegenwart der Eltern wird jedoch fast immer in Gebärden gesprochen. Winfried Rothermel
Die Söhne Jan (links) und Felix sprechen in Lautsprache, wenn sie zu zweit sind. Winfried Rothermel
In der Gebärdensprache spielen auch Mimik und Lippenbewegungen eine Rolle. Winfried Rothermel
Das Ehepaar Barbara und Fillip Kieffer erzählt in Gebärdensprache aus ihrem Leben. Winfried Rothermel