Spektakel aus der Strahlenmaschine

Laurenz Theinert vor dem Werk „Birmingham“ aus der Serie „Farbrest“
Laurenz Theinert vor dem Werk „Birmingham“ aus der Serie „Farbrest“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Georg Leisten

Seine Bilder bringen Fassaden zum Blinken und Häuser zum Glühen. Bald denkt man an die Laserkanonen von Fernseh-Raumschiffen, bald an riesige Scanner, die Mauern abtasten. Der Lichtkünstler Laurenz Theinert zählt zu den bekanntesten Vertretern seiner Zunft. In Portugal und Slowenien, Jerusalem und São Paulo führt der Wahlstuttgarter sein abstraktes Illuminationstheater auf.

Theinert hat ein eigenes Instrument entwickelt: das „Visual Piano“.

Egal wohin der Vielflieger reist, vier kiloschwere Beamer hat er stets im Zusatzgepäck. „Das sind meine wichtigsten Hilfsmittel“, sagt er. „Wenn größere Projekte anstehen, muss ich vor Ort noch zusätzlich Geräte mieten, die nicht mit ins Flugzeug dürfen.“ Bei seinem aktuellen Auftritt stand Theinert ausnahmsweise nicht vor größeren Transport- oder Logistikproblemen: Die Soloschau in der Stuttgarter Galerie Abtart ist für den Kreativ-Jetsetter ein Heimspiel.

Eine große Lichtinstallation im Untergeschoss wird wegen der Eröffnungsperformance erst nach der Vernissage aufgebaut, darüber hinaus präsentiert der gebürtige Niedersachse vor allem fotografische Arbeiten. Hier liegen seine konzeptuellen Wurzeln: „Ich bin über die Fotografie zur Lichtkunst gekommen“, verrät er. „Schon im Physikunterricht haben mich optische Phänomene und die Gesetze dahinter fasziniert.“

So sind die vermeintlich abstrakten Schleierwolken, die auf einigen Fotos zu sehen sind, in Wahrheit betonblasse Großstadtmotive. Gegen diese Trostlosigkeit hat Theinert sich gestemmt: „Selbst das tristeste Grau“, sagt er „enthält physikalisch noch einen kleinen Farbanteil. Den wollte ich herauskitzeln.“ Gelungen ist ihm das, indem er die Farbsättigung erhöht hat. Die Faszination für das Miteinander von Technik und Ästhetik sei auch der Grund, weswegen ihn das Arbeiten mit der Kamera allein irgendwann nicht mehr befriedigt habe. „Bei der Lichtkunst gibt es viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten, weil man aus der Fläche in den Raum geht.“ Auch der Betrachter nimmt eine andere Rolle ein als in der Fotografie: „Er muss sich mit meinen Bildern bewegen, um den besten Standpunkt herauszufinden.“

Insofern überrascht es nicht, dass Theinert seine Strahlenmaschinerie am liebsten auf öffentlichen Plätzen, aber auch gern in Kirchen oder ehemaligen Klöstern zum Einsatz bringt. „Historische Gebäude sprechen mich stärker an als der White Cube der zeitgenössischen Museumsarchitektur.“ Lichtkunst schreit nach Dunkelheit: Wahrscheinlich deswegen träumt er seit Langem davon, eines seiner Illuminationsspektakel in einer Höhle aufzuführen. Dem stand bisher aber der Naturschutz im Weg. „Schnelles Blinken stört die Fledermäuse.“

Laurenz Theinert ist ein entspannter und offener Gesprächspartner. Im Gegensatz zu vielen Kollegen behandelt er die handwerklichen Erfordernisse hinter seinen Projekten nicht als Staatsgeheimnis. Vielleicht, weil ihn die Umstände seiner Kunst ohnehin zum Teamwork zwingen. „Meine Installationen funktionieren über Computerprogramme, für die ich die Hilfe von Experten benötige.“ Das gilt erst recht für die Konzertperformances, bei denen das Multitalent mit professionellen Musikerinnen und Musikern kooperiert.

Theinert selbst sitzt bei diesen Abenden am „Visual Piano“. Dieses einzigartige Ins­trument, das er selbst entwickelt hat, verwandelt akustische Klänge in Lichtspuren an der Wand, so dass ein sinnliches All-over für Auge und Ohr entsteht. Obwohl er selbst keine musikalische Ausbildung hat, weiß der Künstler mit seinem digitalen Klavier Kompositionen von Barock bis Techno kongenial zu begleiten. Zu seinen Favoriten gehört Mozart. „Er ist sehr bunt, sehr spielerisch. Bach empfinde ich demgegenüber als strenger. Auf seine Werke reagiere ich mit strukturierten, grafischen Formen.“

Zu erleben ist all das oft nur für einen Abend. Selbst skulpturale Interventionen wie die Leuchtröhrenplastik der „Himmelsleiter“ im Stuttgarter Weißenburgpark verschwinden nach wenigen Wochen. Doch mit dieser Vergänglichkeit findet sich Theinert ab. Er hat sogar gelernt, die positiven Seiten des Flüchtigen zu schätzen. „Bei meinen Fotografien auf Alu-Dibond muss ich immer aufpassen, nirgendwo gegenzustoßen. Etwas Immaterielles wie das Licht dagegen ist total kratzfest.“

„Licht und Lichtbild“ mit 40 Arbeiten des Künstlers läuft bis 9. 9. in der Galerie Abtart, Rembrandtstr. 18, Di–Fr 14–19 Uhr.

Der Künstler Laurenz Theinert vor seinen Werken aus der Fotoserie „Farbrest“ in der Galerie Abtart in Möhringen Lichtgut